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Die Schamanin: Ein Krimi aus der Mittelsteinzeit

Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt bis zum 1. November 2026 die Sonderausstellung „Die Schamanin“.
Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt bis zum 1. November 2026 die Sonderausstellung „Die Schamanin“.

Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale zeigt bis zum 1. November 2026 die Sonderausstellung „Die Schamanin“.  Wer war diese besondere Frau, die vor rund 9.000 Jahren auf einer Anhöhe über der Saale bestattet wurde? Das Grab der „Schamanin von Bad Dürrenberg“, war bereits 1934 bei Kanalarbeiten im Kurpark entdeckt worden und ist einer der bedeutendsten Funde der mitteleuropäischen Urgeschichte. Dank einer Nachgrabung in den Jahren 2019 bis 2022 und mithilfe von DNA-Analysen und CT-Scans konnte das Rätsel um dieses Grab nun neu aufgerollt werden.

Die Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle präsentiert diese sensationellen neuen Erkenntnisse erstmals einer breiten Öffentlichkeit – eingebettet in eine atmosphärische Inszenierung auf rund 900 Quadratmetern.

 

Ein Gesicht aus der Steinzeit: Forensik trifft Archäologie

Dank modernster kriminalistischer Methoden kennen wir – nach 9.000 Jahren – das Gesicht der Schamanin. Auf Basis präziser CT-Scans ihres Schädels und unter Einsatz von 3D-Software (der sogenannten MetaHuman-Technologie) gelang Experten eine realistische Rekonstruktion. Kombiniert mit den genetischen Daten zeigt die Ausstellung einen faszinierenden, echten Menschen: Eine Frau mit relativ dunkler Haut, glatten, tiefdunklen Haaren und auffallend hellen, blauen oder grünen Augen. Ihr durchdringender Blick holt die Besucher direkt ab und macht die Begegnung mit der fernen Mittelsteinzeit emotional greifbar.

 

Handwerk, Schmerz und Tod: Das persönliche Schicksal und ein medizinischer Krimi

Das Gebiss der Schamanin erzählt die Geschichte eines harten Lebens und verrät vermutlich sogar ihre Todesursache. Ihre beiden oberen Vorderzähne waren tief beschädigt und die Nervenkanäle lagen frei – eine Folge der damals üblichen, aber extrem verschleißenden Praxis, zähe Tierhäute und Leder mit den Zähnen weichzukauen.

Elchkopf von Huittinen (Finnland), ca. 6.100 v. Chr.
Elchkopf von Huittinen (Finnland), ca. 6.100 v. Chr.

Durch die offenen Zahnnerven drangen Bakterien ein, die zu schweren, chronisch eiternden Entzündungen im gesamten Kieferbereich führten. Die Schamanin muss unter immer wiederkehrenden Schmerzen gelitten haben. Im Grab gefundene Reste von Weidenrinde – die den schmerzlindernden Wirkstoff Salicin (die Urform des modernen Aspirins) enthält – zeigen, wie sie versuchte, die Schmerzen zu betäuben. Letztendlich breitete sich die eitrige Infektion im Kiefer weiter aus und führte vermutlich zu ihrem Tod.

 

Kultort über Generationen: Die steinzeitliche „Heilige“

Einer der faszinierendsten Funde der Nachgrabungen betrifft die Zeit nach dem Tod der Schamanin. Die Archäologen entdeckten direkt über und neben der eigentlichen Grabgrube Belege dafür, dass das Grab der Schamanin noch 600 Jahre nach ihrem Tod von Menschen aufgesucht wurde: Ähnlich wie bei einer modernen Heiligen pilgerten die Menschen der Mittelsteinzeit über Generationen hinweg zu ihrer letzten Ruhestätte. Das Wissen um dieses Grab wurde also über ein halbes Jahrtausend hinweg mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.

Bärenfigur aus Bernstein von Słupsk (Polen), ca. 9.600-4.100 v. Chr., gefunden beim Torfabbau Ende des 19. Jh., als Amulett oder Anhänger an einer Schnur getragen
Bärenfigur aus Bernstein von Słupsk (Polen), ca. 9.600-4.100 v. Chr., gefunden beim Torfabbau Ende des 19. Jh., als Amulett oder Anhänger an einer Schnur getragen

Die Pilger legten dort unter anderem zwei Schamanen-Hirschgeweihmasken ab – eine solche Maske war in der Mittelsteinzeit ein extrem wertvoller und heiliger Gegenstand. Sie suchten vermutlich Trost, Heilung und spirituellen Beistand. Dass das Wissen um diesen exakten Ort und die dort ruhende Person über rund 600 Jahre im kollektiven Gedächtnis einer mobilen Jäger-und-Sammler-Kultur überdauert hat, ist eine wissenschaftliche Sensation. Es zeigt, dass die Schamanin als Ahnfrau und Schutzpatronin weit über ihren Tod hinaus eine enorme Autorität besaß.

 

Der Ursprung der Spiritualität: Was ist Schamanismus?

Die Ausstellung wirft die fundamentale Frage auf, wie religiöse Spezialisten überhaupt entstanden. In einer Zeit, in der die Menschen als Jäger, Sammler und Fischer lebten, galt der Animismus als Weltsicht: Der Glaube, dass alles in der Natur – Tiere, Pflanzen, Steine – beseelt ist. Schamanen waren jene Spezialisten, die als Mittler zwischen der alltäglichen Welt und der Geisterwelt zu agieren verstanden. Durch Trance und Seelenreisen versuchten sie, Krankheiten zu heilen, das Jagdglück zu sichern oder das Wetter zu beeinflussen.

Um diese spirituelle Praxis begreifbar zu machen, schlägt die Sonderausstellung eine Brücke zur Ethnologie: Neben den originalen, 9.000 Jahre alten Funden zeigt sie historische Gewänder, Masken und Trommeln des jüngeren Schamanismus aus Nordeuropa und Sibirien. Die reich verzierten Kostüme wirken dabei fast wie historische Raumanzüge, die den Schamanen auf seinen gefährlichen Reisen in die Unterwelt schützen sollen.

 

Daten & Fakten zur Ausstellung
Ausstellungsort:
Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Richard-Wagner-Straße 9, 06114 Halle (Saale)
Laufzeit:
27. März bis 01. November 2026
Ausstellungsfläche:
Ca. 900 m²
Highlights:
Lebensechte 3D-Gesichtsrekonstruktion, das Original-Skelett mit den Spuren der Zahninfektion, Nachweise des jahrhundertelangen Grabkults, ethnologische Schamanen-Kostüme.
Öffnungszeiten: Di–Fr: 09:00–17:00 Uhr | Sa, So & Feiertage: 10:00–18:00 Uhr (Montags geschlossen)

Fotos: © LDA Sachsen-Anhalt, Zeichnung Karol Schauer,
© Finnish Heritage Agency, Foto Ilari Järvinen